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die sieben schmerzen
oder Was machst du gegen die Stunden, Marie?

Tanz(lab)Oratorium II


Pressestimmen
Zu sehen waren »intensivste Szenen in Katja Erdmann-Rajskis bildstarkem Tanztheater« Stuttgarter Zeitung
»Katja Erdmann-Rajski gelingt in der Vielfalt der Stile, Individuen und Eindrücke eine choreografische Harmonie, die bis zum engelsheiteren Ende trägt.« Stuttgarter Nachrichten
Ein »vielschichtiger, sehenswerter Versuch, religiöse und existenzielle Botschaften zu hinterfragen, die in Bachs Musik thematisiert werden.« Ludwigsburger Kreiszeitung

 

Ach, Mariechen
Du Gutgesprochene. Du Missbrauchte – im Leben wie im Ableben. Die Männer haben‘s dir angetan. Wieder mal wollten sie die Welt retten – auf deine Kosten. Frisch verliebt und verlobt warst du, jung und keck. Umgarnt hast du deinen Josef mit seinen schwielig-kräftigen Handwerkerhänden. Aber mehr als ein schüchterner Kuss, ein sanftes Streicheln war nicht drin. Da haben schon die Nazarener Spießbürger aufgepasst.
Und dann, so der göttlich-männliche Plan, solltest du schmerzensreich gebären, ohne vorher Lust verspüren zu dürfen. Als Kuppler wurde der schöne Gabriel vorgeschickt, dieser Erzverführer. Ganz verliebt hast du ihn angeschaut. Auf seine Worte hast du nicht gehört – so verzaubert warst du von seinem androgynen Körper, seinen zarten und doch so selbstbewussten Gesichtszügen, seiner betörenden Stimme, seinem kultivierten Benehmen. Es war wie ein Versprechen. Doch nicht so, wie du dachtest. Ohn‘ jedwede Sinn- und Körperlichkeit, jeder Erotik Hohn sprechend fuhr der Geist in dich ein. Aus war‘s mit den Mädchenträumen. Wie romantisch hattest du dir das erste Mal ausgedacht. Aber du warst ja noch immer unbefleckt – zumindest in einem höheren Sinne. Doch wer versteht schon diese theologischen Spitzfindigkeiten? Deine Nachbarn bestimmt nicht. Je runder dein Bäuchlein wurde, desto mehr getuschelt und gestichelt wurde. Angefeindet wurdest du. Vor dich hingespuckt haben diese Philister. Und die Blicke deines treuherzigen Josef konntest du kaum ertragen. Ob er dir glaubte? Wer sollte so was schon glauben? Er tat zumindest so. Seid ihr deshalb geflohen? Vor der Schmach und dem Dorfklatsch?
Irgendwann hast du dann das Spiel mitgespielt. Vielleicht hat dich auch dein kleinbürgerlicher Ehrgeiz gepackt: Aus meinem Sohn soll mal was werden. Denen zeig‘ ich‘s, diesen missgünstigen Klatschweibern. Werdet schon sehen, wir kommen aus dem ganzen Mief und den armen Verhältnissen noch raus. Schon früh hast du deinem Kind den Ehrgeiz eingeimpft. Hast ihn verhätschelt und ihm immer wieder erzählt, er sei auserwählt. Den Vater hat er bald verdrängt. Bald schon war er der Mann an deiner Seite. Deine anderen Kinder, Josefs eigene Kinder, auf die er so stolz war, hast du totgeschwiegen – Jakobus, Josef, Simon und Judas. Von deinen Töchtern kennt man nicht mal ihre Namen. Ach, Mariechen. Auf was hast du dich da eingelassen?
Eine akademische Ausbildung sollte dein Sohn gekommen, er wenigstens sollte einen intellektuellen Beruf ergreifen. In den Tempel zu den Schriftgelehrten hast du ihn geschickt. Und hast ihn an die Bücher und seine von dir eingebläute Berufung verloren. Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? So kanzelte er dich vor all den anderen immer wieder ab, er, dieses vaterlose Muttersöhnchen. Und du hast es dir gefallen lassen, hast still gelitten, wie man es dir beigebracht hat.
Bis zuletzt bist du ihm treu geblieben. Auch, als er längst deinen Traum vom sozialen Aufstieg platzen hat lassen. Als Krimineller hing er am Kreuz, du weinend zu seinen Füßen. Und nach wem rief er? Nach seinem Vater, nicht nach dir, die ihm das Leben schenkte. Der missgünstige Spott deiner ehemaligen Nachbarn war dir gewiss. Aber du, du Unverbesserliche, du hast ödipal weitergeträumt bis an dein Sterbebett, dass er dich holen würde „ins himmlische Brautgemach, wo der König der Könige auf seinem Sternenthron sitzt.“ Ach, Mariechen. Träum weiter.
Schau, was sie aus dir seither gemacht haben. Ein Tanzmariechen, das sich von allen herumwirbeln lässt. Ein Abzieh- und Rubbelbild verschenkter Weiblichkeit. Hin- und hergerissen zwischen eifernden Rosenkranzbeterinnen und feministischen Ideologinnen. In jedem Herrgottswinkel steht dein Konterfei. Bis in die Charts hast du es geschafft, wehrlos dem Gounodschen Gassenhauer und tränenreichem Kitsch ausgeliefert, du Maria der Tränen. Dein Name gehört zu den beliebtesten. Auch Männer dürfen ihn tragen – klar, so geschlechtslos wie du sein sollst. Selbst in Bauernregeln wird deine asexuelle Fruchtbarkeit fast bösartig verbraten: „Mariä Verkündigung schön und rein / wird das ganze Jahr recht fruchtbar sein.“ Ein Wunder nur, dass nur die Vorhaut deines Sohnes, nicht aber dein Hymen als Reliquie weltweit vermarktet wird.
Ach, Mariechen. Hätte ich dich doch früher getroffen. Vielleicht hätten wir‘s ja zusammen geschafft. Ein ganz normales Leben.

[unleserliche Unterschrift]

[Anmerkung des Herausgebers: Dieser Brief wurde erst kürzlich im Nachlass von N.N. entdeckt, einem Patienten des psychiatrischen Landeskrankenhauses Scherblingen, der am 15. August 2013 entschlief. Der Herausgeber distanziert sich aufs entschiedenste von diesem Zeugnis der Unzurechnungsfähigkeit eines einfachen Gemüts.]

Vorstellungen
im Rahmen des Musikfests Stuttgart
3. September 2013, 19 Uhr (Premiere)
4. – 7. September 2013, 19 Uhr
Theaterhaus Stuttgart

Mitwirkende
Choreografie, Konzeption, Projektleitung Katja Erdmann-Rajski Tänzerinnen Julia Brendle, Eva Borrmann, Simone Rabea Döring, Katja Erdmann-Rajski, Stephanie Roser Tänzer Marek Ranic, Levent Gürsoy, Nguyen Bao Chau, Amir El-Kourdi Musikschnitt/-arrangement Matthias Schneider-Hollek Licht/Technik Carolin Bock Dramaturgie Ulrich Fleischmann Kostüme Tobias Siewert

Musik
Johann Sebastian Bach (h-Moll-Messe), Stefano Agostini, Fred Astaire, Björk, Georg Friedrich Händel, Kastelruther Spatzen, Claudio Monteverdi, Sinéad O‘Connor, Alfred Schnittke, Antonio Vivaldi, u.a.

Texte
Martin Walser: »Muttersohn«
Sonja Hengler: »Was machst Du gegen die Stunden, Marie«

Gefördert von
Kulturamt der Landeshauptstadt Stuttgart, LBBW, Landesverband Freier Theater Baden Württemberg e.V.

In Kooperation mit
Theaterhaus Stuttgart, Bachakademie Stuttgart

 



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